Leseprobe

Fridolin Äppelpei

Guinness war ein kleiner Ort am Fuße der längsten Rodelbahn des Landes. Von überall her kamen Menschen mit ihren Kindern, um hier Schlitten zu fahren. Es war auch der Ort mit dem größten Stuhl des Landes, mit den meisten Kindern pro Familie, mit dem besten Koch, der längsten Wäscheleine, der ältesten Oma und noch vielen anderen nützlichen und weniger  nützlichen Sensationen. Deshalb hatten die Bewohner des Ortes eines Tages begonnen, alle diese besonderen Höchstwerte in einem Buch, dem Guinness Buch der Rekorde, aufzuschreiben. Jedes Jahr gab es unzählige Wettkämpfe und Wettbewerbe, und jeder Bewohner aus Guinness wünschte sich nichts sehnlicher als den Eintrag seines Namens im Buch der  Rekorde.

Lilli und Liane wohnten alleine in einem kleinen Häuschen am Rande des Ortes. Hier mündete die längste Rodelbahn der Welt in den Ort und endete ein kleines Stückchen weiter  vor dem besten Café des Landes mit der größten Kuchenauswahl überhaupt. Lilli stand oft vor dem Schaufenster und betrachtete sehnsuchtsvoll die weiten Auslagen. Kuchen stapelte  sich über Kuchen und einer war schöner als der andere. Ihr lief das Wasser im Munde zusammen: Wenn sie doch nur ein einziges Mal von diesen Kuchen essen dürfte!

In einem großen Baum am Ende einer langen Allee von Apfelbäumen hing tief unter dem vielen Laub versteckt ein ganz kleines Äpfelchen. Fridolin – von den anderen Äpfeln auch  spöttisch Bonsai-Fridolin genannt – war schon immer viel zu klein gewesen, um jemals ein ordentlicher Apfel zu werden. Schon in der Blütezeit im Frühjahr hatten sich die Bienen über  seine winzig kleine und zarte Blüte lustig gemacht.
„Hehe, seht ihr die Miniblüte da? Die ist ja ultraklein!“
„Das wird nie ein Apfel, da brauchen wir gar nicht erst zu bestäuben!“
„Sowieso ist die so klein, da kommt eh niemand von uns bis an den Blütenstaub – wenn da überhaupt welcher drin ist
…“

So ging es mit jedem Bienenschwarm, der den Baum besuchte. Fridolin hatte schon alle Hoffnung aufgegeben, als plötzlich eine ganz kleine Biene zu ihm flog. Diese Biene war fast so  filigran wie Fridolin selbst. Sie hatte sehr viel Mitgefühl für seine Situation und glaubte an ihn. Die kleine Biene machte sich noch kleiner, als sie ohnehin schon war, kroch zwischen  Fridolins winzig kleine Blütenblätter und bestäubte seine Blüte. Fridolin bedankte sich glücklich und begann eifrig, sich zu einem Apfel zu entwickeln. Er wurde ein sehr schöner und  ebenmäßiger Apfel mit kräftigen runden Backen – nur leider im Miniformat! So sehr er sich auch anstrengte, er wuchs und wuchs nicht größer.
Längst waren die anderen Äpfel am Baum dick und groß und hatten reife rote Backen, während Fridolin noch immer einer etwas zu dick geratenen Kirsche ähnelte und so grün war wie  Flip, der Grashüpfer. Nicht einmal die kleine gefräßige Raupe Nimmersatt, die regelmäßig ihre Streifzüge durch den Apfelbaum unternahm, würdigte Fridolin auch nur eines Blickes. Und  die anderen Äpfel ärgerten ihn, wo sie nur konnten:
„He, Fridolin, Nimmersatt hat dich mal wieder übersehen!“
„So’n Quatsch! Zu grün ist er ihr, sieht ja ungenießbar aus!“
„Ich glaube, selbst mit Brille würde Nimmersatt über Fridolin hinwegsehen, so unscheinbar wie er ist!“
Fridolin war sehr traurig darüber, dass ihn niemand ernst nahm und alle ihn entweder übersahen oder verspotteten.

Er wollte auch so sein wie die anderen Äpfel! Nein: Größer und schöner wollte er sein! Ein ganz besonderer Apfel! Der größte und schönste Apfel überhaupt! Wuchs er nicht hier in der  Baumallee, die die berühmteste und größte Rodelbahn des Landes säumte? War er damit nicht eigentlich auch Teil des Ortes, in dem das große Buch der Rekorde geführt wurde? Über  diesen Gedanken schien Fridolin einzuschlafen. Es war, als sei er in einer anderen Welt:
Er, Fridolin, der größte und schönste und schmackhafteste Apfel des Landes, der einzigartige Guinness Delicious!
Fridolin hing noch immer am selben Baum, doch in sich fühlte er seinen Ruhm als Guinness Delicious. Er malte sich aus, wie er die Aufmerksamkeit der ganzen Welt genießen würde, und plötzlich fing er wahrhaftig an zu wachsen. Immer größer und größer wurde Fridolin, während die anderen Äpfel sich wunderten.


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